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Leseprobe

Ruf des Dschungels von Sabine Kuegler

Ich möchte Sie mit auf die Reise nehmen, auf eine Reise durch die Zeit, auf eine Reise, die mitten in die Herzen derjenigen führt, deren Schreie ungehört verhallen.

Es war Ende Oktober 2005. Ich sass im Zug. Neben mir auf der Sitzbank standen ein grosser Alukoffer und ein gelber Rucksack. Müde starrte ich aus dem Fenster. Es war noch immer dunkel, die aufgehende Sonne liess sich nicht mal erahnen.

Ich war auf dem Weg von München nach Frankfurt, zum Flughafen.

Eigentlich hätte ich vor Freude ausser mir sein sollen, aufgeregt und gespannt, doch mein Herz war schwer. Ich spürte, wie eine schleichende Angst von mir Besitz ergriff. Was, wenn ihnen etwas passiert, während ich weg bin? Was, wenn sie mich schrecklich vermissen und die ganze Zeit weinen? Ich schloss die Augen. Vor mir sah ich die Gesichter meiner Kinder, von denen ich mich gerade verabschiedet hatte. Am liebsten wäre ich am nächsten Bahnhof aus dem Zug gesprungen und umgehend zu ihnen zurückgekehrt.

Energisch verbannte ich die besorgten Gedanken aus meinem Kopf. Ich verliess sie ja nicht für immer; in genau einem Monat würde ich meine Kinder wieder in die Arme schliessen können. Ausserdem waren sie bestens aufgehoben, bei Menschen, die sie liebten. Ich musste mich jetzt auf das konzentrieren, was vor mir lag. Nicht umsonst hatte ich gut fünfzehn Jahre lang gekämpft, um endlich an dem Punkt zu sein, an dem ich heute war.

Um auf andere Gedanken zu kommen, holte ich die Zeitschrift aus dem Rucksack, die ich in München am Bahnhof noch schnell gekauft hatte. Ich begann die glänzenden Seiten durchzublättern - perfekte Models, farbenfrohe Mode, Werbung für die neuesten Cremes, die in vier Wochen deutlich weniger Falten versprachen. Dann blieb mein Blick hängen - an einem Artikel über mein letztes Buch, Dschungelkind. Mein Gesicht sprang mich geradezu vom Buchumschlag an.

Ich starrte darauf und fühlte mich mit einem Mal seltsam entfremdet von der jungen Frau auf dem Foto. Mir fiel die Reaktion meiner Mutter ein, als ich ihr am Telefon erzählte, dass mein Buch auf der Bestsellerliste stehe. »Oh wie schön, Sabine «, antwortete sie beiläufig und fuhr dann fort: »Weisst du, was der Arzt heute zu mir gesagt hat?«

Die Erinnerung an diese Situation brachte ein Lächeln auf mein Gesicht. Natürlich wusste ich, dass meine Eltern stolz auf mich waren, doch wie sagte Mama mal so schön? Ihr sei es wichtiger, dass ich privat glücklich bin, das bedeute mehr als beruflicher Erfolg, und sei der noch so gross. Und überhaupt, nach all den Jahren, die sie im Dschungel verbracht hatte - was mochte ihr da schon eine Bestsellerliste sagen?

Meine Gedanken wanderten nach West-Papua zurück, zu meiner Zeit bei den Fayu.

Ich habe meine Kindheit nie als ungewöhnlich empfunden, schliesslich kannte ich nichts anderes. Erst die Reaktionen auf mein Buch haben mir gezeigt, wie einzigartig meine Kindheit gewesen sein muss. Immer wieder werde ich gefragt, ob ich es meinen Eltern verüble, dass ich ihretwegen in der Wildnis aufgewachsen bin. Warum aber sollte ich diese aufregende und wunderschöne Phase meines Lebens bedauern?

Natürlich war es für mich nicht leicht, mich nach einer Kindheit im Dschungel in der westlichen Welt zurechtzufinden.

Es hatte mehr als zehn Jahre gedauert, mich in dieser fremden, sonderbaren Kultur zurechtzufinden - an sie gewöhnt habe ich mich immer noch nicht. Das, was ich in meinem

bisherigen Leben tatsächlich bedaure, ist, dass ich nicht zurück nach Hause zu meinem Stamm gegangen bin, als ich mit der Schule fertig war. Wann immer ich dies jedoch meiner Mutter gegenüber erwähne, erinnert sie mich daran, dass man erst am Ende seines Lebens anfangen sollte, dies oder jenes zu bedauern. »Schliesslich weisst du nie, was dich alles noch erwartet und welche Aufgaben du noch zu erfüllen hast.«

Als ob ich irgendetwas wahrhaft Bedeutendes tun könnte, dachte ich mir, ich habe ja noch nicht mal mein eigenes Leben im Griff. Das einzig wirklich Gute, was ich bisher zustande gebracht hatte, waren meine Kinder.

Ich beobachtete, wie sich die Sonne allmählich hervorwagte, wie sich die ersten gelben Strahlen ihren Weg durch den dichten Morgennebel bahnten. Ein herrlicher Anblick, aber noch war es ziemlich kalt. Ich schauderte und zog meine Jacke fester um mich. Die Augen fielen mir zu, und der Schlaf ergriff von meinem Körper Besitz.

Wenige Stunden später erreichte ich mein Ziel, den Frankfurter Flughafen. Ich nahm meinen Rucksack, hievte den Koffer vom Sitz neben mir, stieg aus dem Zug und machte mich auf den Weg in die Abflughalle. Da ich sehr früh dran war, waren die Check-in-Schalter für meinen Flug noch nicht geöffnet.

Also stand ich herum und wartete. Ich beobachtete die Menschenmassen, die sich an mir vorbeischoben, hektisch, ungeduldig, ständig in Bewegung. Selbst nach all den Jahren, die ich nun schon in Europa lebe, habe ich mich nicht an diese Geschäftigkeit und diese Eile gewöhnen können. Wieder musste ich an meine Mutter denken und fragte mich, wie sie das damals mit uns drei Kindern bewältigt hat. Zuerst von Nepal nach Deutschland, und zwei Jahre später dann nach West-Papua. Immer wenn wir darüber sprechen, betont sie, wie wohlerzogen wir waren - ganz im Gegensatz zu meinen eigenen Kindern. Ich musste lächeln. Ja, meine vier sind in der Tat wild, aber sie sind wunderbare Kinder, die mein Leben mit so viel Freude und Fröhlichkeit füllen.

Ich holte mein Handy hervor und tippte die ersten SMS-Abschiedsgrüsse an ein paar Freunde. Endlich wurde mein Flug aufgerufen, und ich reihte mich in die Schlange am Check-in ein.

Nach dem Start lehnte ich mich in meinem Sitz zurück und schloss die Augen. Der Flug würde voraussichtlich elf Stunden dauern.

In Bangkok legten wir einen zweistündigen Zwischenstopp zum Auftanken ein, und die Passagiere verliessen die Maschine, um sich die müden Beine zu vertreten. Dabei fiel mir ein junger Chinese auf, der mich schon seit einer Weile beobachtete.

Ich fragte mich, wie er wohl aufgewachsen war. Eher traditionsbewusst oder modern?

Andere Menschen und ihre Geschichte haben mich schon immer fasziniert, ein jeder mit seiner individuellen Vergangenheit, Persönlichkeit, Erziehung und Kultur. Ein Buch über meine eigene Kindheit und Jugend zu schreiben war befreiend für mich, weil ich mich dadurch von aussen betrachten konnte. Manchmal vor dem Einschlafen denke ich an die vielen Menschen, die mein Buch gelesen haben und nun wissen, wie hart ich darum gekämpft habe, in der mir fremden westlichen Welt Fuss zu fassen. Durch Dschungelkind habe ich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, wie sehr die Fayu mein Denken geprägt haben. Sie haben mich als eine der ihren aufgezogen und mich auf das Leben in der Wildnis vorbereitet, auf das Überleben in einer Welt, in der die Natur die Regeln bestimmt und nicht die moderne Technik.

Den Einfluss dieser Erziehung auf mein Leben spüre ich bis heute.

Wieder zurück an Bord, setzten wir unsere lange Reise nach Brunei und anschliessend Bali fort, wo ein weiterer Zwischenstopp von mehreren Stunden geplant war. Bei der Landung sah ich aus dem Fenster und betrachtete den kristallblauen Ozean, die endlos langen Strände, wo sich ein Hotel ans nächste reihte. In mir wuchs langsam die Aufregung.

Als ich die Maschine in Bali verliess, umfing mich die heisse Luft wie eine tosende Welle. Wie wunderbar die Hitze sich anfühlte. Tief atmete ich den süssen Duft der Tropen ein. Wie sehr hatte ich genau das vermisst, diese Wärme, diesen herrlichen Geruch.

Im Taxi auf dem Weg zum Hotel betrachtete ich die vorbeiziehende Landschaft und wunderte mich über die leeren Strassen, Restaurants und Geschäfte. Auf Englisch fragte ich den Fahrer, warum die ganze Stadt wie ausgestorben wirkte. Er erklärte mir, dass der Tourismus seit dem Bombenanschlag auf eine Diskothek abrupt nachgelassen hatte. Vor allem die Australier und Japaner mieden das einst so beliebte Urlaubsziel.

Angekommen im Hotel, sprang ich schnell unter die Dusche und versuchte, die wenigen Stunden bis zum Weiterflug zu nutzen, um ein bisschen zu schlafen.

Um ein Uhr nachts stand ich wieder am Flughafen. Ich war müde und schlecht gelaunt. Ausserdem hatte ich Durst, und nach einer längeren erfolglosen Suchaktion stellte ich genervt fest, dass sämtliche Läden bereits geschlossen waren. Wieder zurück am Schalter, musterte ich die anderen wartenden Passagiere. Bis auf einen stammten sie alle aus Indonesien oder West-Papua. Die meisten wirkten gelassen, während sie auf einen alten, dröhnenden Fernseher starrten, in dem irgendeine Show lief.

Endlich durften wir an Bord, und ich liess mich erleichtert auf meinen Platz sinken. Nach wenigen Minuten fiel ich in einen tiefen Schlaf und wachte erst wieder auf, als der Pilot zur Landung ansetzte. Ich blickte aus dem Fenster, in der Hoffnung, etwas wiederzuerkennen, aber ich sah nichts als Wolken vor mir. Mein Herz hörte für einen Moment auf zu schlagen, als die Maschine die Wolkendecke durchbrach. Was ich nun sah, verwirrte mich völlig. Nichts, aber auch gar nichts wirkte vertraut. Das hatte ich nun wahrlich nicht erwartet.

Wo zum Teufel war ich hier? Sollten wir nicht in Jayapura landen?

Als die Stewardess an meiner Sitzreihe vorbeiging, erklärte sie mir, dass wir zunächst in Timika landen würden, einer Stadt im Süden von West-Papua, und dass wir in etwa einer Stunde nach Jayapura weiterflögen. Ich nickte nur stumm und schaute erneut aus dem Fenster.

Da blieb mein Blick unvermittelt an etwas hängen. Eigenartig.

Was war das unter mir? Es sah aus wie ein riesiger Fluss, ungemein breit, der sich auf seinem Weg aus den Bergen ins Meer durch die Landschaft schlängelte. Doch das da unten konnte beim besten Willen kein Fluss sein. Es hatte die Farbe von hellgrauem, glänzendem Lehm. Das Wasser darüber wirkte glasklar, und was das Absonderlichste überhaupt war: Ich erkannte nicht einen Baum, kein Grün, nicht einmal einen Grasstreifen, der in dieser Zone wuchs. Es sah aus wie Brachland. Ich konnte den Blick während der Landung nicht von diesem seltsamen Phänomen abwenden und fragte mich, was mit diesem Stück Natur nur passiert sein konnte.

Mit etwa einer Stunde Verspätung ging es zurück an Bord, und der letzte Teil meiner Reise begann. Was erwartete mich wohl in den kommenden Wochen? Würde ich alles wiedererkennen, oder hatte sich die Welt, die mir einmal so vertraut war, im Laufe der Zeit völlig verändert? Und inwieweit hatte ich mich selbst verändert?

Beim Landeanflug auf Jayapura hielt ich den Atem an. Dann sah ich sie, meine geliebten Hügel, deren helle, grasbewachsene Kuppen nun in Sicht kamen, und gleich dahinter das traumhaft schöne dunkelblaue Meer, das sich bis zum Horizont erstreckte. Mein Atem ging schneller, ich vergass die Welt um mich herum und hörte auch nicht, als über Lautsprecher die bevorstehende Landung angekündigt wurde.

Wie lange hatte ich von genau diesem Augenblick geträumt!

Wie hart hatte ich dafür gekämpft, jetzt hier zu sitzen, mit Blick auf diese vertraute Landschaft!

Ein Ruck durchfuhr mich, als die Maschine auf der Landebahn aufsetzte, als die Bremsen das Flugzeug zum Stehen brachten. Völlig versunken starrte ich aus dem Fenster. Allmählich erkannte ich die einzelnen Gebäude am Rande der Piste wieder. Ja, es waren ein paar neue dabei. Aber dort drüben, zu meiner Linken, stand noch immer der Hangar, wo ich als Kind so oft gespielt hatte. Dort hatten die kleinen Flugzeuge gestanden, mit denen wir nach Danau Bira geflogen waren, der Dschungelbasis, wo wir anfangs lebten. Und jetzt sah ich eine dieser Propellermaschinen, die, weiss und hellblau, in der Sonne schimmerte. Ich konnte den Blick einfach nicht abwenden, alles war wie damals - angefangen von dem Berg, auf dem man ein Flugzeugwrack aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden hatte, über die Grashügel, die vertrauten Bäume und die Holzhäuser bis hin zu den Menschen! Das Herz schlug mir bis zum Halse, als ich die Papua sah. Wie schön sie waren mit ihrer dunklen, schimmernden Haut, dem schwarzen, lockigen Haar, den grossen dunklen Augen und charakteristischen Nasen. Auch wenn ich es gar nicht wollte, ich musste sie einfach anstarren und hätte am liebsten gar nicht mehr aufhören mögen.

Jemand schob mich den Gang zwischen den Sitzreihen entlang, und ich setzte mechanisch einen Fuss vor den anderen, bis ich den Ausgang der Maschine erreicht hatte. Endlich!

Mein erster Schritt nach draussen. Ein heisser Windstoss erfasste mich, eine Wolke von Düften, so aufregend, so heimatlich.

Langsam ging ich die Gangway hinunter, Stufe für Stufe, und betrat nach mehr als fünfzehn Jahren erstmals wieder vertrauten Boden.

Ich lief los. Und mit jedem Schritt veränderte ich mich. Mit jedem einzelnen Schritt fiel eine Last von mir ab, mit jedem Schritt liess ich einen anderen Schmerz hinter mir, eine andere Angst. Je näher ich meinem Ziel kam, desto leichter fühlte ich mich. Ich hob den Kopf, straffte den Rücken, und auf einmal spürte ich, wie mein Herz zu fliegen begann. Jede Zelle in meinem Körper erwachte zu neuem Leben, Wärme durchfloss mich, und als ich in den klaren blauen Himmel hinaufsah, hatte ich nur einen Gedanken: Ich bin wieder zu Hause!

© Droemer/Knaur Verlag

 

 

 

 

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