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Leseprobe

Next von Michael Chrichton

 

Vasco Borden, neunundvierzig Jahre alt, zupfte am Revers seines Anzugs und rückte sich die Krawatte zurecht, als er über den weichen Teppich der Hotelhalle schritt. Anzüge waren seine Sache nicht, wenngleich dieser marineblaue spe­ziell massgeschneidert war, um die auffällige Muskelmasse sei­nes Körpers ein wenig zu kaschieren. Borden war ein Koloss, ein Meter zweiundneunzig gross, ein ehemaliger Footballspieler, der sich als Privatdetektiv auf die Rückführung flüchtiger Per­sonen spezialisiert hatte. Und im Augenblick folgte Vasco seiner Zielperson, einem dreissigjährigen Nachwuchsforscher mit Halb­glatze, der der Firma MicroProteonomics in Cambridge, Massa­chusetts, abhandengekommen war, auf dem Weg in den Haupt­kongresssaal.

Der Kongress BioChange 2006 mit dem enthusiastischen Un­tertitel »Die Zukunft beginnt jetzt!« fand im Venetian Hotel in Las Vegas statt.

Die zweitausend Teilnehmer rekrutierten sich aus allen Be­reichen der Biotechnologie, darunter Investoren, Human Re­source Manager, die stets auf der Suche nach geeigneten Wis­senschaftlern waren, Spezialisten für Technologietransfer, Vorstandsvorsitzende und Juristen mit dem Fachgebiet »Geisti­ges Eigentum«. Auf die eine oder andere Weise war nahezu jede Biotechfirma in den USA hier vertreten.

Einen besseren Ort hätte sich der Flüchtige für das Treffen mit seiner Kontaktperson nicht aussuchen können. Der Mann sah völlig unscheinbar aus. Er hatte ein argloses Gesicht und ein Unterlippenbärtchen, ging leicht gebeugt und wirkte schüch­tern und ungelenk. Aber Tatsache war, dass er sich mit zwölf transgenen Embryonen in einem kryogenischen Dewar-Gefäss aus dem Staub gemacht und sie quer durchs Land hierher ge­schafft hatte, wo er sie seinem bislang unbekannten Auftragge­ber überreichen wollte.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Jungwissenschaftler es leid war, sich mit seinem Gehalt zu bescheiden. Und auch nicht das letzte Mal.

Der Flüchtige ging zum Anmeldetisch, um sich seinen Kon­gressausweis abzuholen, den er sich um den Hals hängte.

Vasco hielt sich in der Nähe des Eingangs und zog sich seinen eigenen Ausweis über den Kopf. Er hatte sich gut vorbereitet und tat jetzt so, als studierte er mit grossem Interesse den Veranstal­tungsplan.

Die wichtigen Vorträge fanden alle im grossen Ballsaal statt. Es gab Seminare zu Themen wie »Feinabstimmung von Recrui­tingverfahren« und »Gewinnstrategien zur Bindung von For­schungspotenzial«, »Führungskräfte und Kapitalbeteiligung«, »Corporate Governance und Börsenaufsicht«, »Entwicklungsten­denzen der Patentämter«, »Privatinvestoren: Segen oder Fluch?« und schliesslich »Schutzmassnahmen gegen Betriebsspionage«.

Vasco arbeitete überwiegend für Hightechfirmen. Er war schon öfter auf solchen Kongressen gewesen, auf denen es ent­weder um Wissenschaft und Forschung oder um Business ging. Hier ging es um Business.

Der Flüchtige, der Eddie Tolman hiess, ging an ihm vorbei in den Ballsaal. Vasco folgte ihm. Tolman marschierte an einigen Reihen entlang nach vorn und liess sich auf einen Sitz sinken, wo niemand in der Nähe sass. Vasco schob sich in die Reihe dahin­ter und konnte Tolman schräg über die Schulter blicken. Der junge Tolman sah auf seinem Handy nach, ob er irgendwelche Textnachrichten hatte, dann entspannte er sich offenbar, blickte auf und hörte dem Vortrag zu.

Der Mann am Rednerpult hiess Jack B. Watson und war einer der bekanntesten kalifornischen Risikokapitalgeber, eine legen­däre Figur in der Welt des Hightechinvestments. Watsons Ge­sicht, wie immer sonnengebräunt und ungeheuer attraktiv, war in Nahaufnahme auf dem Bildschirm hinter ihm zu sehen, so­dass es den ganzen Raum dominierte. Watson hatte sich mit seinen zweiundfünfzig Jahren gut gehalten, und er pflegte eifrig seinen Ruf, ein Kapitalist mit Gewissen zu sein. Mit diesem Renommee waren ihm etliche skrupellose Geschäftsabschlüsse gelungen: In den Medien war er immer nur zu sehen, wenn er mal wieder eine besonders fortschrittliche Schule besuchte oder Stipendien für sozial benachteiligte Kinder vergab.

Doch in diesem Saal, da machte Vasco sich nichts vor, war den Zuhörern vor allem Watsons Ruf als knallharter Geschäfts­mann im Bewusstsein. Er fragte sich, ob Watson wohl so skru­pellos war, sich mit illegalen Mitteln zwölf transgene Embryo­nen zu beschaffen. Vermutlich ja.

Im Augenblick jedoch verbreitete Watson gute Stimmung. »Die Biotechnologie boomt. Hier bahnt sich ein Wachstum in einer Grössenordnung an, wie es die Computerbranche vor drei­ssig Jahren erlebte. Das grösste Biotechunternehmen, Amgen in Los Angeles, beschäftigt derzeit siebentausend Mitarbeiter. Die Universitäten von New York bis San Francisco, von Boston bis Miami erhalten pro Jahr staatliche Fördermittel von weit über vier Milliarden Dollar. Risikokapitalgeber investieren in Bio­techfirmen bis zu fünf Milliarden Dollar im Jahr. Die Aussicht auf die Entwicklung bahnbrechender Heilmittel durch Stamm­zellen, Zytokine und Proteonomik lockt die besten Köpfe auf die­ses Gebiet. Und da die Weltbevölkerung mit atemberaubender Geschwindigkeit altert, blicken wir in eine immer leuchtendere Zukunft. Doch das ist noch längst nicht alles!

Wir sind an dem Punkt angelangt, wo wir die grossen Phar­maunternehmen das Fürchten lehren können. Diese schwerfälligen, aufgeblähten Konzerne brauchen uns, und das wissen sie auch. Sie brauchen Gene, sie brauchen Technologie. Sie gehören der Vergangenheit an. Wir sind die Zukunft. Wir sind das grosse Geld!«

Dröhnender Applaus brandete auf. Vasco verlagerte seine Körpermasse auf dem Sitz. Die Zuhörer klatschten, obwohl sie genau wussten, dass dieser Halunke ihre Firma in Sekunden­schnelle vernichten würde, falls das seiner Bilanz guttat.

»Natürlich haben wir noch einige Hindernisse zu überwin­den. Manche Leute - für wie moralisch überlegen sie sich auch halten mögen - stellen sich gerne dem Fortschritt der Mensch­heit in den Weg. Sie wollen nicht, dass Gelähmte wieder gehen, dass Krebspatienten ins Leben zurückfinden, dass kranke Kin­der gesund werden und unbeschwert spielen. Diese Bedenken- träger haben ihre Gründe. Religiöse, ethische oder gar ›prakti­sche‹. Doch wie auch immer ihre Gründe aussehen, sie stehen auf der Seite des Todes. Und sie werden nicht gewinnen!«

Erneuter donnernder Applaus. Vasco schielte zu dem Flüch­tigen hinüber. Der junge Tolman starrte schon wieder auf sein Handy. Offenbar wartete er auf eine SMS. Und das höchst unge­duldig.

Hatte sein Kontaktmann sich verspätet? Das würde erklä­ren, warum Tolman nervös war. Vasco wusste nämlich, dass der Kerl irgendwo einen Thermosbehälter aus Edelstahl versteckt hatte, in dem die Embryonen in Flüssigstickstoff gelagert wa­ren. Der Behälter war nicht in Tolmans Zimmer. Das hatte Vasco bereits durchsucht. Seit Tolmans Abreise aus Cambridge waren fünf Tage vergangen. Das Kühlmittel würde nicht ewig halten. Und falls die Embryonen auftauten, wären sie wertlos. Wenn Tolman also keine Möglichkeit hatte, seinen Flüssigstickstoff aufzufüllen, dann sass er auf heissen Kohlen, denn er würde das Dewar-Gefäss möglichst schnell seinem Käufer übergeben wol­len.

Es musste bald passieren. Innerhalb der nächsten Stunde, da­von ging Vasco aus.

»Natürlich werden manche versuchen, den Fortschritt zu be­hindern«, sagte Watson am Rednerpult. »Selbst unsere besten Unternehmen werden in sinnlose, unproduktive Rechtsstreitig­keiten hineingezogen. Eine meiner Start-up-Firmen, die ich unterstütze, BioGen in Los Angeles, führt zurzeit einen Prozess, weil ein Kerl namens Burnet sich einbildet, er müsse die Ver­träge nicht einhalten, die er selbst unterzeichnet hat. Weil er es sich inzwischen anders überlegt hat. Burnet legt es darauf an, den medizinischen Fortschritt zu blockieren, wenn wir ihn nicht bezahlen. Ein Erpresser, der von einer Anwältin vertreten wird, die seine Tochter ist. So bleibt die Sache wenigstens in der Familie.« Watson schmunzelte. »Aber wir werden den Burnet­Prozess gewinnen. Weil sich der Fortschritt nicht aufhalten lässt!«

Bei diesen Worten reckte Watson beide Hände in die Luft und winkte ins Auditorium, während wieder Applaus aufbrandete.

Er tritt fast wie ein Wahlkandidat auf, dachte Vasco. Macht er das mit Absicht? Der Mann hatte zweifellos genug Geld, um ge­wählt zu werden. Wer es heutzutage in der amerikanischen Po­litik zu etwas bringen wollte, musste reich sein. Schon bald...

Er wandte den Kopf und sah, dass Tolman verschwunden war.

Sein Platz war leer. Verdammt!

»Fortschritt ist unsere Mission, unsere heilige Pflicht«, rief Watson. »Fortschritt bedeutet den Sieg über Krankheiten! Fort­schritt bedeutet, den Alterungsprozess aufzuhalten, Demenz auszurotten, das Leben zu verlängern! Ein Leben frei von Krank­heit, Verfall, Schmerz und Angst! Der grosse Menschheitstraum wird endlich wahr!«

 

© Goldmann Verlag

 

Übersetzung: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

 

 

 

 

 

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