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Leseprobe
Die Tore der Welt von Ken Follett
Es war das Jahr, in dem Merthin einundzwanzig wurde, als am Pfingstsonntag sintflutartiger Regen auf die Kathedrale von Kingsbridge niederging. Dicke Tropfen prasselten auf die Schieferdächer, und
reissende Ströme ergossen sich in die Rinnsteine. Fontänen schossen aus den Mäulern der Wasserspeier, Kaskaden rauschten die Strebepfeiler hinunter, und Sturzbäche ergossen sich über Bögen und Säulen
und netzten die Statuen der Heiligen. Der Himmel, die grosse Kirche, die Stadt rundum - alles war Grau in Grau. Am Pfingstsonntag gedachte man des Augenblicks, da der Heilige Geist auf die Jünger
Jesu herabgefahren war. Es war der siebte Sonntag nach Ostern, der entweder in den Mai oder in den Juni fi el, kurz nach der Schur. Deshalb war der Pfingstsonntag stets der erste Tag des Wollmarktes
von Kingsbridge. Merthin zog in dem sinnlosen Versuch, sein Gesicht trocken zu halten, die Kapuze in die Stirn und stapft e durch den Platzregen zum Morgengottesdienst in die Kathedrale. Dabei führte
sein Weg direkt über den Marktplatz. Auf dem breiten Grün im Westen der Kirche hatten Hunderte von Händlern ihre Stände aufgebaut, die nun zum Schutz vor dem Regen mit geöltem Sackleinen oder Filz
abgedeckt waren. Die Wollhändler beherrschten das Bild: Es gab kleine, fahrende Händler, die bloss die Erträge von ein paar Dörflern verkauft en, und es gab grosse Kaufherren wie Edmund, der ein
ganzes Lagerhaus voller Wollsäcke feilbot. Um sie her drängten sich weitere Stände, an denen so gut wie alles zu bekommen war, was es für Geld zu kaufen gab: süsser Wein aus dem Rheinland, mit
Goldfäden durchwirkter Seidenbrokat aus Lucca, Glasschüsseln aus Venedig sowie Ingwer und Pfeffer aus Städten und Ländern im Orient, deren Namen viele Leute nicht einmal aussprechen konnten. Und
schliesslich waren da noch die Kleinhändler - Bäcker, Brauer und Zuckerbäcker, Wahrsager und Huren -, welche die Besitzer der Stände und deren Kunden mit allem versorgten, was man zum Leben so
brauchte. Tapfer trotzten die Standbesitzer dem Regen. Sie scherzten miteinander und versuchten, für eine fröhliche Stimmung zu sorgen wie an Fastnacht; doch so sehr sie sich bemühten, das schlechte
Wetter würde ihnen das Geschäft verderben. Einigen Leuten jedoch blieb keine Wahl; sie mussten ihre Geschäfte tätigen, ob es regnete oder nicht: Flämische und italienische Einkäufer brauchten weiche
englische Wolle für die geschäftigen Webereien in Brügge und Florenz. Gelegenheitskäufer indes blieben bei diesem Wetter zu Hause: Die Frau des Ritters sagte sich, dass sie auch ohne Muskat und Zimt
auskäme, der wohlhabende Bauer beschloss, seinen alten Mantel noch einen weiteren Winter zu tragen, und der Advokat gelangte zu der Einsicht, dass seine Geliebte nicht unbedingt noch einen weiteren
goldenen Armreif brauchte. Merthin konnte ohnehin nichts kaufen. Er hatte kein Geld. Er war ein unbezahlter Lehrling, der bei Elfric Builder, seinem Meister, wohnte. Merthin ass am Familientisch mit,
schlief auf dem Küchenboden und trug Elfrics abgelegte Kleider, doch Lohn bekam er nicht. An langen Winterabenden schnitzte er kunstvolle Spielereien, die er für ein paar Pennys verkaufte - ein
Schmuckkästchen mit Geheimfächern oder ein Hähnchen, das die Zunge rausstreckte, wenn man ihm auf den Schwanz drückte -, doch im Sommer hatte er nicht genug freie Zeit dafür, denn Handwerker
arbeiteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Aber Merthins Lehrzeit war bald zu Ende. In weniger als sechs Monaten, am ersten Dezember, würde er mit einundzwanzig Jahren ein vollwertiges
Mitglied der Zimmermannszunft von Kingsbridge werden. Er konnte es kaum erwarten. Die grosse Westtür der Kathedrale stand offen, um die unzähligen Stadtbewohner und Besucher einzulassen, die an der
heutigen Messe teilnehmen wollten. Auch Merthin betrat das Gotteshaus und schüttelte den Regen aus den Kleidern. Der Steinboden war glitschig von Wasser und Schlamm. An einem schönen Tag erstrahlte
das Kircheninnere in dem vielfarbigen Licht, das durch die riesigen Buntglasfenster fiel, doch an einem düsteren Tag wie diesem blieben die Fenster matt, und die Menschen standen in ihren dunklen,
nassen Kleidern da wie Schafe im Regen. Wohin strömte die Regenflut? Es gab keine Entwässerungsgräben um die Kirche herum. Das Wasser - Tausende und Abertausende von Gallonen - versickerte in der
Erde. Sickerte es immer tiefer und tiefer, bis es erneut als Regen fiel, diesmal in den Abgründen der Hölle? Aber nein: Die Kathedrale war an einen Hang gebaut. Das Wasser lief unter der Erde von
Nord nach Süd den Hügel hinunter, und die Fundamente der Kirche waren so beschaffen, dass die Wassermassen hindurchfliessen konnten, um sich schliesslich am südlichen Ende des Klostergeländes in den
Fluss zu ergiessen. Merthin stellte sich vor, dass er den unterirdischen Strom spüren konnte, sein Donnern und Tosen, das durch die Grundmauern bis in den mit Steinplatten ausgelegten Boden drang und
ihn zittern liess. Ein kleiner schwarzer Hund lief schwanzwedelnd zu ihm und begrüsste ihn fröhlich. »Hallo, Scrap«, sagte Merthin und streichelte das Tier. Als er den Blick wieder hob, sah er die
Besitzerin des Hundes, Caris, und sein Herz setzte einen Schlag aus. Sie trug einen leuchtend scharlachroten Mantel, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Er war der einzige Farbfleck in der
Düsternis. Merthin lächelte breit; er freute sich, das Mädchen zu sehen. Es war schwer zu sagen, was sie so schön machte. Caris hatte ein kleines, rundes Gesicht mit hübschen, regelmässigen Zügen,
mittelbraunes Haar und grüne Augen mit goldenen Flecken. Sie war nicht viel anders als hundert andere Kingsbridge-Mädchen auch, doch sie trug ihren Hut in keckem Winkel, ein spöttisches Funkeln lag
in ihren klugen Augen, und sie schaute Merthin mit einem schelmischen Grinsen an, das unbestimmte, jedoch verlockende Sinnesfreuden versprach. Merthin kannte sie jetzt schon zehn Jahre, doch
erst in den letzten Monaten war ihm bewusst geworden, dass er sie liebte.
Ins Deutsche übertragen von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt
© Gustav Lübbe Verlag