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Leseprobe
Lasset die Kinder zu mir kommen von Donna Leon
Guido Brunetti lag an den Rücken seiner Frau geschmiegt und glitt sanft hinüber in den Schlaf der Gerechten. Er schwebte in jener nebelhaften Sphäre zwischen Traum und Wachen und mochte das Hochgefühl, das ihm dieser Tag beschert hatte, nur ungern loslassen. Sein Sohn hatte beim Abendessen beiläufig und ohne den erleichterten Blickwechsel seiner Eltern zu bemerken, einen seiner Klassenkameraden für ziemlich blöd erklärt, weil der mit Drogen experimentierte. Seine Tochter hatte sich bei ihrer Mutter für eine patzige Bemerkung vom Vortag entschuldigt, und die Worte »Berg« und »Prophet« drängten sich schemenhaft in Brunettis Bewusstsein. Seine Frau endlich, mit der er seit über zwanzig Jahren glücklich verheiratet war, hatte ihn mit einem Ansturm amourösen Verlangens überrascht, der ihn so erregte, dass diese zwei Jahrzehnte wie ausgelöscht waren.
Brunetti liess sich treiben, vollauf zufrieden und begierig, alles noch einmal Revue passieren zu lassen. Die freiwillige Reue eines Teenagers: Sollte er die Presse alarmieren? Noch mehr allerdings wunderte er sich über Paolas Beteuerung, dass Chiara ihre Entschuldigung ganz uneigennützig und ohne nach irgendeiner Gegenleistung zu schielen, vorgebracht habe. Chiara war bestimmt klug genug, um zu wissen, wie gut ein solcher Trick funktioniert hätte, aber Brunetti zog es vor, seiner Frau zu glauben, die ihm versicherte, für so was sei ihre Tochter schlicht zu aufrichtig.
War das die grösste Illusion, überlegte er, der Glaube an die Aufrichtigkeit unserer Kinder? Die Frage entglitt ihm unbeantwortet, und er schlief langsam ein.
Das Telefon schrillte.
Es klingelte fünfmal, ehe Brunetti sich mit der dumpfen Stimme eines Betäubten oder Übertölpelten meldete. »Sì?« brummte er, während seine Gedanken wie der Blitz den Flur hinunterjagten. Doch die Erinnerung daran, dass er beiden Kindern gute Nacht gesagt hatte, als sie zu Bett gegangen waren, beruhigte ihn sofort wieder.
»Ich bin's, Vianello«, sagte die vertraute Stimme am anderen Ende. »Ich bin im Ospedale Civile. Wir haben ein Problem am Hals.«
Brunetti setzte sich auf und machte Licht. Nicht nur Via nel los Nachricht, sondern auch sein eindringlicher Ton sag te ihm, dass er wohl keine andere Wahl hatte, als dem Inspektor ins Krankenhaus zu folgen. »Was für ein Problem?«
»Einer der Mediziner hier, ein Kinderarzt, liegt in der Notaufnahme, und seine Kollegen befürchten eine Hirnschädigung.« Auch in weniger benommenem Zustand hätte Brunetti sich darauf keinen Reim machen können, aber da er wusste, dass Vianello rasch auf den Punkt kommen würde, fragte er nicht nach.
»Er wurde in seiner Wohnung überfallen«, fuhr der Inspektor fort. Dann, nach längerer Pause, setzte er hinzu: »Von der Polizei.«
»Von uns?« fragte Brunetti verblüfft.
»Nein, von den Carabinieri. Sie sind bei ihm eingedrungen und wollten ihn festnehmen. Der verantwortliche Hauptmann sagt, der Arzt hätte einen seiner Männer angegriffen«, erklärte Vianello. Brunetti kniff die Augen zusammen, während der Inspektor ergänzte: »Aber es ist ja klar, dass er sich auf so was rausredet, nicht wahr?«
»Zu wie vielen waren sie denn?« wollte Brunetti wissen.
»Zu fünft«, antwortete Vianello. »Drei im Haus und zwei draussen als Verstärkung.«
Brunetti stieg aus dem Bett. »Ich bin in zwanzig Minuten da.« Dann fragte er: »Weisst du, warum die Carabinieri dort waren?«
Vianellos Antwort kam zögernd. »Sie wollten seinen Sohn rausholen. Ein Baby von achtzehn Monaten, adoptiert. Laut den Carabinieri illegal.«
»In zwanzig Minuten«, wiederholte Brunetti und legte auf.
Erst als er aus dem Haus trat, vergewisserte sich der Commissario, wie spät es war. Viertel nach zwei. Die erste Herbstkühle schlug ihm entgegen, und er war froh, dass er daran gedacht hatte, eine Jacke überzuziehen. Am Ende der calle bog er rechts ab, Richtung Rialto. Wahrscheinlich hätte er ein Polizeiboot anfordern sollen, aber man wusste nie, wie lange die brauchten, wogegen Brunetti die Strecke zu Fuss auf die Minute genau taxieren konnte.
© Diogenes Verlag Übersetzung: Christa E. Seibicke